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[Kirche von Unten]

Zum Hitlerbild in der Deutschen Evangelischen Kirche

und

Ein Beitrag zur Kirchlichen Mitte

von Dietrich Kuessner

(Download des Buches einschließlich Anmerkungen als pdf hier)




Keine Warthegau-Regelung im „Altreich“.  
Hitler hatte der polnischen Regierung keinen Friedensvertrag angeboten, sondern teilte Polen in zwei Gebiete auf, ließ Tausende der führenden, bürgerlichen Schicht ermorden und richtete im nördlichen Teil den sog. Warthegau ein, in dem der Reichsstatthalter Artur Greiser und sein Stellvertreter August Jäger als Regierungspräsident ein Vernichtungsprogramm gegen die gefestigten vorhandenen kirchlichen Strukturen durchexerzierte, der Kirche die Körperschaft öffentlichen Rechtes entzog, aber auch Vereinsbeiträge, Kollekten und Sammlungen verbot, Taufe und Konfirmation als Eintritt in die Kirche untersagte, sondern stattdessen den Eintritt durch eine Erklärung vom 18. Lebensjahr an einrichtete.   Das bedeutete die völlige  Entschristlichung des Warthegaus. Das Kirchenministerium, der Geistliche Vertrauensrat, vor allem aber die betroffenen Kirchengemeinden im Warthegau mit ihrem hochverdienten und beliebten Generalsuperintendenten Paul Blau, der seit 1913 die dortige Kirche leitete, schlugen immer wieder Alarm.

In einigen evangelischen Landeskirchen im „Altreich“ löste das Vorgehen Greisers große Ängste für eine siegreiche Nachkriegszeit aus. Unter der Leitung des württembergischen Landesbischofs Wurm sammelten sich Bischöfe, kirchenleitende Persönlichkeiten sowie Gruppen der Bekennenden Kirche zu  einem Abwehrblock für den Fall, daß die Greisersche Kirchenpolitik auch im „Altreich“ angewendet würde. Dazu hatte Bischof Wurm einige Grundsätze formuliert. Die Ängste schienen nicht unberechtigt. Denn 1940/41 plante das Braune Haus in München zusammen mit dem Ministerpräsident Dietrich Klagges in der Braunschweigischen Landeskirche Warthegauverhältnisse im Ansatz durchzuprobieren  und der Landeskirche die Körperschaft Öffentlichen Rechts abzuerkennen . Zwar lehnte das Kirchenministerium den zugesandten Gesetzesentwurf ab, aber Bormann befürwortete den Entwurf und drängte bei Hitler auf Zustimmung. Staatssekretär Lammers legte den fertigen Gesetzesentwurf vor, aber Hitler lehnte ab. Bormann  wurde erneut im März 1941 vorstellig. Es sei keine Beunruhigung zu erwarten, man wolle „auch im Altreich unter ganz  anderen Voraussetzungen als im Warthegau“ Erfahrungen gewinnen. Das Gesetz sei daher „kriegswichtig.“  Bormann bekam umgehend einen ablehnenden Bescheid zurück mit dem Bemerken , „der Führer habe persönlich entschieden“.  Mit dieser persönlichen Entscheidung Hitlers waren alle Pläne, Warthegauverhältnisse im Altreich durchzusetzen, vorerst gescheitert.  Wie weit sich das Vorgehen Bormanns in den Landeskirchen herumgesprochen hatte, ist noch nicht erforscht. Die Sammelaktion von Bischof Wurm zerbröckelte im Laufe der nächsten Jahre an Führungsfragen. Die Kriegsereignisse beendeten das Experiment. Generalsuperintendent Blau starb 82-jährig im Dezember 1944. Der ehemalige Reichsstatthalter Greiser wurde nach der Kapitulation deutschen Wehrmacht vor ein polnisches Gericht gestellt, 1946 zum Tode verurteilt und aufgehängt. Sein Stellvertreter, August Jäger, seinerzeit wegen seiner brutalen Eingliederungskampagne im Sommer 1934 von Hitler entlassen, wurde 1948 von der britischen Regierung an Polen ausgeliefert, vor Gericht gestellt und in Posen aufgehenkt.



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